Was ist Tarot?   

Hajo Banzhaf:

Was ist Tarot?

Der oder das Tarot - beide Formen sind gebräuchlich - ist ein Kartenorakel, das in seiner heutigen Struktur seit dem 15. Jahrhundert bekannt ist. Seither besteht es aus 78 Karten, die sich in zwei Hauptgruppen unterteilen: in eine Gruppe von 22 Karten, die wir die Großen Arkana (lat. Geheimnisse) nennen und in die 56 Karten der Kleinen Arkana. Während sich die Großen Arkana aus 22 Einzelmotiven zusammensetzen, die in sich keine Wiederholung kennen und auf Grund ihrer Nummerierung eine klare Reihenfolge bilden, sind die Kleinen Arkana - die Vorläufer unserer heutigen Spielkarten - in vier Serien oder Farbsätze unterteilt: in Stäbe, Schwerter, Kelche und Münzen, aus denen später Kreuz, Pik, Herz und Karo hervorgingen.

Ob diese beiden Gruppen ursprünglich zusammengehörten oder einander erst im Laufe der Zeit gefunden haben, ist ebenso ungewiss wie der Ursprung der Karten. Man fand Spuren, die vermuten lassen, dass die Karten der Kleinen Arkana im 14. Jahrhundert aus der islamischen Welt nach Europa kamen. Was aber auf diesen Karten zu sehen war und was man mit ihnen tat, ob es sich um ein Orakel handelte, oder ob es reine Spielkarten waren, ist unbekannt. Noch weniger weiß man über den Ursprung der für den Tarotkundigen so viel bedeutsameren Karten der Großen Arkana. Sie tauchen etwa um 1600 auf, und die Vermutungen über ihre Herkunft gehen - wie so manches beim Tarot - extrem auseinander. Während die einen auf Grund der Tatsache, dass die Karten um 1600 erstmals erscheinen, recht pragmatisch folgern, dass sie wohl auch um 1600 entstanden sind, gehen andere davon aus, mit den Großen Arkana nicht weniger als das Weisheitsbuch der altägyptischen Priesterkaste in den Händen zu halten, das auf geheimnisvolle Weise aus dem alten Ägypten nach Europa gelangte. Zu den vielen phantasievollen Geschichten, die sich darum ranken, gehört auch die Vermutung, dass die Karten durch Moses, der als Hoherpriester in die ägyptischen Mysterien eingeweiht war, mit dem Auszug des Volkes Israel nach Palästina kamen. Dort sollen sie eine Verbindung mit der Kabbala eingegangen sein, jener jüdischen Geheimlehre, die unter anderem in den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets einen tiefen Symbolwert erkennt. Die zahlenmäßige Entsprechung der 22 Buchstaben dieses Alphabets mit den 22 Karten der Großen Arkana zählt zu den gewichtigsten Belegen dieser Ursprungsvermutung. Dazu sollte man aber wissen, dass schon manches, was sich aus 22 Bestandteilen zusammensetzt, mit Tarot in Verbindung gebracht wurde, nicht zuletzt das 22 Kapitel umfassende Johannesevangelium. Oft scheint dabei der reine Wunsch der Vater der Erkenntnis gewesen zu sein. Die zum Teil erheblichen gedanklichen Winkelzüge, die notwendig sind, um die behaupteten Zusammenhänge zu belegen, werden dann ihrerseits als Beweis dafür gedeutet, dass es sich dabei um wahrhaftiges Geheimwissen handelt.

Auch die Deutungen des Wortes »Tarot«, das ebenfalls erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts auftaucht, gehen weit auseinander und sind ebenso zahlreich und phantasievoll wie die Geschichten über die Herkunft der Karten. Sie reichen von »Königlicher Weg« (von ägyptisch Tar = Weg, und Ro = König) über »Göttliches Gesetz« (von hebräisch Thora) bis hin zu der recht profanen Erklärung, dass nahe der norditalienischen Stadt Parma ein Fluss namens Taro fließe und die Karten wahrscheinlich in diesem Tal entstanden seien. Fest steht nur, dass Tarot ein französisches Wort ist, bei dem das letzte »t« nicht ausgesprochen wird. Diejenigen, die es dennoch tun, wollen damit betonen, dass das erste und das letzte »t« zusammengehören, sich sozusagen überlagern, als wäre das Wort kreisförmig auf ein Rad geschrieben, worin eine weitere Deutung des Namens liegt: Rota (lateinisch)= das Rad. Nimmt man auch noch das lateinische Wort orat (= verkündet) hinzu und bedenkt, dass Ator eine ägyptische Einweihungsgöttin war, dann versteht man den Satz, den der amerikanische Okkultist Paul Forster Case aus den vier ausge-spro-chenen Buchstaben des Namens kombinierte: ROTA TARO ORAT TORA ATOR = das Rad des Tarot verkündet das Gesetz der Ein-wei-hung. Wie so oft, wird sicherlich auch die Wahrheit über den Ursprung der Karten und die Bedeutung des Namens in der Mitte zwischen all den vielen Spekulationen liegen. Mir persönlich erscheint die Frage nach dem tatsächlichen Alter der Karten ohnehin recht unbedeutend. Denn tatsächlich überliefert uns Tarot eine archetypische Weisheit, die in der Tiefe des kollektiven Unbewussten wurzelt und bis in die Urfrühe menschlicher Bewusstwerdung zurückreicht. Deshalb halte ich es für unbedeutend, ob die Karten, die dieses Wissen veranschaulichen, nun 400 oder 4000 Jahre alt sind. Die Bilder, um die es geht, sind allemal älter als Papier und Buchdruckerkunst. Dabei sind es nur die 22 Karten der Großen Arkana, in deren tiefgründiger Symbolik sich dieses Wissen verbirgt.

Die 56 Kleinen Arkana haben keine solche Dimension. Sie sind nach allem, was wir erkennen können niemals zu anderen Zwecken als zum Kartenlegen gebraucht worden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren diese 56 Karten auch nicht aussagekräftiger als unsere Spielkarten illustriert. Sie zeigten die dem Wert der Karte entsprechende Anzahl an Symbolen. So waren auf der Karte DREI KELCHE eben 3 Kelche zu sehen und auf den NEUN MÜNZEN 9 Münzen. Diese Karten zu deuten war ebenso schwierig wie die Deutung von HERZ DREI oder KARO NEUN. Entweder musste man dazu die Bedeutung aller Karten auswendig gelernt haben, oder aber die Symbolik der Zahl mit der Bedeutung der Stäbe, Schwerter, Münzen oder Kelche kombinieren und daraus die Bedeutung folgern. Das änderte sich 1910 als der von Arthur Edward Waite entworfene und von Pamela Colman Smith gestaltete Rider-Tarot erschien, bei dem erstmals auch die Kleinen Arkana illustriert waren. Seitdem führen Bilder zur Bedeutung aller 78 Karten. So begrüßenswert diese Bereicherung auch ist, sie sollte nicht dazu führen, dass man den großen Unterschied übersieht, der zwischen Bildern liegt, die im Lauf der Jahrhunderte aus dem kollektiven Unbewussten der Menschheit aufgetaucht sind - wie man es bei den 22 Großen Arkana vermuten darf -, gegenüber Illustrationen, die von einem Menschen ausgedacht wurden, und sei dieser Mensch auch noch so genial. Ein ausgedachtes Bild ist gewiss hilfreich, um eine Bedeutung zu veranschaulichen, es erreicht jedoch nie Gehalt und Symboltiefe eines archetypischen Bildes. Aus diesem Grund ist es wenig ergiebig, über Details in den Bildern der Kleinen Arkana zu grübeln. Sie illustrieren schlicht und einfach ein Thema. So zeigt uns die DREI KELCHE den Erntedanktanz, wie die Früchte zu Füßen der Tanzenden erkennen lassen. Wer diese Aussage in der Illustration erkennt, weiß, was die Karte sagen will: Eine Entwicklung hat einen guten Verlauf genommen, die Ernte ist eingebracht, der Mensch ist dankbar und zufrieden. Mehr veranschaulicht das Bild nicht. Jegliche Spekulation darüber, warum eine der tanzenden Grazien goldene Schuhe trägt, während die der anderen blau sind, oder welche Art von Obst und Gemüse dort ausliegt, ist nebensächlich, wenn nicht müßig.

Demgegenüber sind die 22 Großen Arkana Symbole auf dem Lebensweg des Menschen. Und ein Symbol ist - im Gegensatz zu Zeichen, Icons, Verschlüsselungen, Codes und Geheimschriften - nicht etwas Gemachtes oder Ausgedachtes. Ein Symbol will nichts Offenkundiges verheimlichen, sondern im Gegenteil etwas veranschaulichen, das größer ist und tiefer reicht, als es Worte ausdrücken können und unser Verstand fassen kann. Wenn etwa der Kreis Symbol für das ursprünglich ungeteilte Ganze, für das Paradies, die göttliche Hemisphäre, die All-Einheit, für das Unbewusste wie für das Überbewusste, für das Selbst, für Vollkommenheit, für Ewigkeit und vieles mehr ist, dann wurden diese Bedeutungen nie ausgedacht, sondern wie ein vorgefundenes Wissen im Symbol des Kreises erkannt; und das in allen Kulturen der Menschheit. Der Schlüssel zu solchen Symbolen liegt deshalb auch weniger in der vielfach zu beobachtenden Heimlichtuerei okkulter Kreise, diverser Geheimgesellschaften, sich esoterisch gebender Orden oder Logen, sondern vielmehr in einem tiefen Verständnis der Seele des Menschen. Daher war es im 20. Jahrhundert vor allem die Psychologie C.G. Jungs, die einen wertvollen Zugang zum Verständnis archetypischer Symbolik eröffnet hat und damit zu dem, was man oftmals Geheimwissen nannte und immer noch zu Recht so nennt. Dabei geht es aber weder um Geheimniskrämerei, noch um ein »Hineingeheimnissen« und schon gar nicht um bewusstes Verschleiern eines Wissens mit dem Ziel der Geheimhaltung. Vielmehr handelt es sich um Einsichten, die ihrer Natur nach geheim sind, weil sie aus den wesentlichen, aber unsichtbaren Zusammenhängen hinter der äußeren Erscheinungswelt gewonnen werden, aus der Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.

Dieses eigentlich esoterische Wissen findet sich in auffallend ähnlicher Weise in allen Kulturen, ist zweifellos älter als jede Religion, bildet zumeist deren ursprüngliche Wurzel und ist in einigen Fällen bis heute als deren innerster Kern bewahrt worden. In seinem Zentrum steht die Frage nach dem Lebensweg des Menschen und nach der Bedeutung des Todes. Auf das engste komprimiert besagt der solchem Geheimwissen zugrunde liegende Gedanke, dass wir in einer polaren Wirklichkeit leben, in einer Welt, in der wir nur dann etwas erkennen und begreifen können, wenn wir uns dazu einen Gegenpol als Bezugspunkt denken können. Es käme uns nicht in den Sinn, etwas als männlich zu bezeichnen (oder zu erkennen), gäbe es das Weibliche nicht, ohne Nacht wäre kein Tag, ohne den Tod wüssten wir nicht einmal, dass wir leben. Begreift man dieses Polaritätsgesetz als das allumfassende Prinzip unserer Wirklichkeit, dann lässt sich daraus folgerichtig auch auf den Gegenpol zur Polarität selbst schließen, auf die unvorstellbare Einheit, die alle Religionen in ihrer Weise mit ihren jeweiligen Bildern und Symbolen als göttlich und paradiesisch beschreiben. Der Sturz aus dieser ursprünglichen Einheit, die Zerrissenheit in der Vielheit und die mögliche Rückkehr zum verlorenen Paradies ist das esoterische Wissen um den Lebensweg des Menschen. Diesen Weg beschreiben alle spirituellen Lehren deshalb als einen Heilsweg, weil sein Ziel die Ganzheit des Menschen ist (ganz = heil). Dabei geht man, ebenso wie in der Jungschen Psychologie, davon aus, dass die menschliche Ausgangslage insofern »unheil« ist, als dass zunächst weite Teile dieser Ganzheit im sogenannten Schatten liegen, in einem Bereich, der vom Bewusstsein als fremd oder fehlend erlebt wird und erst nach und nach bewusst werden kann. Solange Teile unserer Wesensnatur im Schatten liegen, fehlen sie uns nicht nur zu unserer Ganzheit, sondern sind zugleich die wesentliche Quelle für manches Fehlverhalten, mit dem sie - vereinfacht gesagt - auf sich aufmerksam machen wollen. Dieser Weg wird im Tarot in den 22 Bildern der Karten der Großen Arkana anschaulich. Das macht sie so einzigartig. Das verleiht ihnen eine Dimension, die weit über alles hinaus geht, was ihnen beim Kartenlegen entnommen werden kann. Hierin liegt die tiefe Bedeutung, das eigentliche Herzstück des Tarot. Wer diese Zusammenhänge begreift, wer sie als Bilder auf dem Lebensweg erkennt, findet in den Großen Arkana eine Orientierungshilfe von faszinierender Klarheit.

© Hajo Banzhaf


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